Montag, 24. Oktober 2005

Freie Liebe

Mirtana hat hier ihre Meinung zu ihrer offenen Beziehung kundgetan.

Ihrer Einteilung einer Beziehung in die drei Ebenen (Geist, Gefühl und Körper) würde ich noch die Ebene der Verbundenheit hinzufügen. Damit meine ich, dass zu einer Beziehung auch die gemeinsamen Erlebnisse und Erfahrungen gehören.

Wenn ich also mal jemanden kennen lernen sollte, mit dem ich mir auch eine Beziehung vorstellen könnte, stünden die vielen Jahre eines gemeinsamen Lebensweges dagegen.

Anmerkung 14.11.05:
Eine Variante wäre, dass wie alle zusammenziehen. Aber das passiert wohl nur in meiner Phantasie.

Hier noch ein paar Links aus dem Wiki zum Thema:

- Polyamory
- Freie Liebe
- Swinger

Trackback URL:
http://lustlehre.twoday.net/stories/1086902/modTrackback

Mirtana - Mi, 26. Okt, 09:31

Lieber Schwinger,

Du fragtest mich, wie ich es geschafft habe, diesen Weg zu beschreiten. Nun, es klingt zwar sehr prosaisch, aber es hat sich einfach so ergeben.

Meine Beziehung mit der besseren Hälfte hat eine lange und wechselreiche Geschichte hinter sich. Ich habe mich geweigert, sie aufzugeben, nur weil es mal gerade schwierig wurde. Auch wenn mir immer von allen Seiten dazu geraten wurde, doch "endlich Schluß zu machen". Man muß nicht verheiratet sein, um "in guten wie in schlechten Zeiten" zusammen zu leben. Jede Krise ist zugleich auch eine Chance, eine Chance, die Beziehung zu vertiefen, daran zu wachsen, zu lernen und sich zu entfalten. Es ist hart zu lernen, den anderen immer wieder auf ein Neues loszulassen, ihm Freiraum zu geben und ihn nicht zu ersticken.

Ich muß Dir rechtgeben mit der Ebene der Verbundenheit. Gerade im Moment hat sich die Situation ergeben, daß ich Verbundenheit gegen das abwägen mußte, was jemand anderes in mir auslöst, und ob es das wert ist, dafür meinen Partner zu verlassen. Es haben sich Gefühle für einen Bekannten von mir entwickelt, die über Freundschaft hinausgehen (wobei ich immer predige, daß wirkliche, tiefe Freundschaft auch nichts anderes ist als eine Form von Liebe). Nun, ich habe das Glück, daß ich diese Gefühle nicht mit einem schlechten Gewissen unterdrücken muß, sondern ich kann meinem Lebensgefährten davon erzählen und ich kann ihnen nachgehen.

Ich persönlich bin der Meinung, daß es so viele unterschiedliche Arten gibt, wie wir jemanden lieben können. Wir lieben unsere Eltern anders als unsere Geschwister, wir lieben unsere Freunde anders als unseren Partner. Sicher, man nennt das meist anders, aber im Grunde genommen ist das alles eine Form von Liebe. Wie kann ich also so vermessen sein und von jemandem verlangen, daß er nur mich liebt?

Für mich ist Sexualität etwas vollkommen Natürliches, was zum Menschen gehört wie das Atmen, der Hunger und der Durst. Es hat mich einiges an Kampf gekostet, diese Mystifizierung von "Sex = Liebe" aufzulösen und an zu erkennen, daß Sex etwas absolut menschliches ist, daß wir im Laufe der Jahrhunderte mit Regelungen und Moral zugekleistert haben. Und daß es nicht heißen muß, daß die Liebe verschwunden ist, nur weil mein Partner oder ich einen anderen Menschen begehren.

Ja, es ist ein steiniger Weg, der manchmal verdammt anstrengend ist. So anstrengend, daß man am liebsten alles hinschmeißen würde. Er kostet manchmal alle Kraft, alle Überwindung die man aufbringen kann. Aber für mich lohnt er sich immer wieder.

Lieben Gruß
Mirtana

Schwinger - Mi, 26. Okt, 18:14

Liebe Mirtana, Du beschreibst es ja in Deinem Beitrag, dass uns genau die dauernde Auseinandersetzung mit dem Partner weiterbringen auf dem steinigen Beziehungsweg.

Auch ich bin heute Deiner Meinung, dass die wahre Freundschaft nicht viel anderes ist, als eine Liebesbeziehung.

Sex-Mystifizierung ist genau das Wort, dass ich auch verwenden würde in Bezug auf mein altes Leben.

Um noch mal auf meine Frage zurückzukommen: Es war also ein längerer Prozeß mit ein und derselben Beziehungsperson?

Und noch eine Frage: Könntest Du Dir vorstellen, dass ihr drei zusammen lebt, sofern es sich die anderen vorstellen können?
Mirtana - Do, 27. Okt, 11:56

Lieber Schwinger,

ja, es war ein Prozeß an dem nur zwei Menschen, sprich die bessere Hälfte und meine Wenigkeit, beteiligt waren. Irgendwo habe ich das bestimmt schon einmal erwähnt, es ist auch die erste Beziehung, welche die obligatorischen zwei Wochen überlebte und übers Händchenhalten und Knutschen hinausging.

Hmm, ich kann mir das durchaus vorstellen, daß ich zu dritt unter einem Dach leben könnte. Allerdings nur unter der Voraussetzung, daß genügend Platz da ist, damit jeder sein "eigenes Reich" einrichten kann, wo man sich zurück ziehen kann. Und so ein großes Haus kann ich mir in der Praxis leider nicht leisten ;-)

Allerdings fände ich zu viert (sprich, zwei Männlein, zwei Weiblein) unter einem Dach harmonischer aus ausgewogener. Allerdings denke ich nicht, daß es jemals zu solch einer offenen WG kommen wird, im Moment lebe ich noch mit vier Männern in einer Wohnung, bin gerade im Begriff in ein eigenes Apartment zu ziehen und bin ganz froh, daß ich bald wieder meine eigenen vier Wände für mich habe. Die bessere Hälfte zieht ebenfalls in ein eigenes Apartment - im selben Haus ;-) Für eine gewisse Zeit kann ich mit anderen so eng zusammen leben, aber irgendwann wird mir das einfach zuviel.

Ich hoffe, ich habe Deine Frage zur Zufriedenheit beantwortet ;-)

LG
Mirtana
Schwinger - Do, 27. Okt, 17:15

Liebe Mirtana,
die Neugier stirbt zuletzt. Und sie wächst, je mehr man erfährt. In diesem Sinne: Ja und Nein zu Deiner Frage am Ende.

Natürlich habe ich noch ein paar Fragen an Dich.
Deine andere Hälfte war derjenige, der vorher schon so gelebt hat, oder habt ihr euch beide gemeinsam entwickelt?

Bei mir war, wie schon beschrieben, meine Frau diejenige, die das mit in die Beziehung gebracht hat. Ich brauchte erst ein starkes Erlebnis von Bestätigung, um überhaupt das Selbstvertrauen zu haben, das das gefühlte Eigentums am geliebten Wesen abzulegen.

Ich gebe Dir Recht, zu viert ist es sicherlich harmonischer, bei drei besteht eher die Gefahr ausgeschlossen zu werden. Allerdings gehen wir ja davon aus, dass unsere Liebe so offen ist, dass das nicht passieren kann :-)

Ich finde es interessant, dass jeder von Euch in ein eigenes Appartement zieht.
Offene Beziehung, jeder in der eigene Wohnung, was bleibt da noch an Gemeinsamkeiten, höre ich die Kritiker rufen. Ich würde sagen, es bleibt alles, was gewünscht ist und ein paar störende Elemente des Zusammenlebens werden eliminiert. Wiewohl die Überwindung dieser Reibungspunkte auch etwas sehr befriedigendes ist und einen manchmal sogar etwas "besser" macht.


lieben Gruß
Schwinger
Mirtana - Sa, 29. Okt, 10:38

Lieber Schwinger,

stimmt auffallend, die Neugier überlebt wahrscheinlich alles ;-)

Vorher wirklich gelebt hat es auch die bessere Hälfte nicht. Er ist zehn Jahre älter und nach unangenehme Erfahrungen mit seiner ersten Freundin (auf die ich hier nicht weiter eingehen möchte) hatte er nur Beziehungen, die nie länger als ein Jahr dauerten. Diese Erfahrung mit seiner ersten Freundin haben ihn dazu gebracht, seine Einstellung zu ändern. Und auch ich habe mich am Anfang schwer damit getan, gerade weil er so überhaupt nicht eifersüchtig ist. Man bekommt ja immer überall eingetrichtert, daß Eifersucht ein Zeichen von Liebe sei. Mittlerweile bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß es kein Zeichen von Liebe, sondern von Verlustangst und Besitzdenken ist. Wer glaubt, Besitzansprüche an seinen Partner stellen zu müssen, der möchte nicht lieben, sondern besitzen.

Wir haben lange darüber diskutiert, ob wir das wirklich machen sollen. Leider reichen unsere finanziellen Mittel nicht für eine 3 1/2 Raum-Wohnung, so daß jeder ein eigenes Schlafzimmer hat. Also bezieht jeder sein Apartment und glücklicherweise klappt das auch im gleichen Haus (auch wenn seines erst Anfang nächsten Jahres frei wird). Reibungspunkte gibt es immer, wenn man mit mehreren unter einem Dach wohnt und man kann alles überwinden. Egal ob es schmutzige Socken sind, die überall herumfliegen, die obligatorisch hochgeklappte Klobrille oder die nassen Handtücher, die nicht aufgehangen sondern auf die Heizung geknüllt werden. Darum geht es auch nicht, sondern einfach um persönlichen Freiraum. Ich möchte manchmal einfach in Ruhe gelassen werden, wenn ich schlecht gelaunt nach Hause komme und mich selber unerträglich finde. Dann will ich aufs Sofa kriechen, mich in ein gutes Buch versenken, dabei Tee trinken und Musik hören. Um nur einmal ein Beispiel zu nennen.

Wir hatten die ersten zwei Jahre siebzig Kilometer Distanz zwischen unseren Wohnorten und mir persönlich gefiel das ganz gut. Ich konnte Freunde zu mir einladen ohne daß es ihn stört (dafür hat es meine Eltern manchmal genervt, aber gut *g*), ich hatte Zeit für meine Hobbies und wir klebten nicht 24 Stunden, 7 Tage die Woche zusammen. Da blieb auch einfach mehr, was man sich gegenseitig erzählen konnte, was man erlebt oder wie man seinen Tag verbracht hatte. Das ist ein bißchen eingeschlafen, nachdem wir zusammen gezogen sind.

Sicher, dieses obligatorische Zusammenziehen wenn man schon länger ein Paar ist, das ist auch so ein fest verankerter Standard in dieser Gesellschaft. Doch für uns hat es nicht so funktioniert wie wir uns das vorgestellt haben, also haben wir beschlossen, es einfach rückgängig zu machen. Nur weil wir beide manchmal sehr genervt sind vom Zusammenleben (wir wohnen noch mit drei anderen in einer WG momentan ...), heißt es nicht zwangsläufig, daß unsere Beziehung daran scheitern muß. Und die Kritiker ignorieren wir gepflegt, sie lassen ohnehin keines unserer Argumente gelten ;-)

Lieben Gruß
Mirtana
Schwinger - Mi, 2. Nov, 17:23

Liebe Mirtana,
wer jemals in einer WG gewohnt hat und nicht vorher unter anderem seine Sauberkeitsansprüche an der Tür abgegeben hat, der kann nur verzweifeln oder seine Selbstlosigkeit testen. Der schönste Satz in diesem Zusammenhang war: "Wir brauchen keinen Plan, um der regelt, wer das Bad/die Toilette putzt." Gut, dass wir darüber gesprochen haben.

"Mittlerweile bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass es kein Zeichen von Liebe, sondern von Verlustangst und Besitzdenken ist." -
Besitzandenken und Verlustängste, sicher zwei Facetten, die eine offene Beziehung verhindern. Als Grund für Zweiteres würde noch mangelndes Selbstvertrauen in die Schale werfen. Daraus können einerseits Verlustängste, andererseits aber auch die Bestätigung des eigenen Unwerts entstehen.

Die Schilderung Deiner Entwicklung hört sich so schleichend an - "ich bin zu der Überzeugung gelangt" - so als ob Du intellektuell die Vor- und Nachteile abgewogen hättest, um dann diesem Lebensstil den Vorzug zu geben. Hut ab, wenn das bei Dir so "einfach" ging.

Bei mir musste erst eine Ausnahmesituation kommen, durch die ich mein löchriges Selbstvertrauen teilweise stopfen konnte. Ohne dieses Erlebnis wäre ich nicht in der Lage gewesen, meine Verlustängste und negativen Gefühle in den Griff zu bekommen.

Ich wundere mich heute immer wieder, dass ich ein solches Glück hatte. Wie schön kann das Leben sein, wenn Du in einer Beziehung lebst, die auf Vertrauen, Liebe und Offenheit basiert. Und wenn Deine Frau dann auch noch auf den gleichen Typ Frau steht, wie Du, … ;-)

Du hattest irgendwo geschrieben (habe den Beitrag nicht gefunden), dass Du bei einem Freund mehr als Anziehung verspürt hast. Hast Du es Deiner besseren Hälfte schon erzählt? Wie hat er reagiert? Was ist der Stand? Wenn ich zu neugierig bin, dann schreib es :-)

lieben Gruß
Schwinger
Mirtana - Fr, 11. Nov, 16:48

Lieber Schwinger,

ich habe Dich nicht etwa vergessen, sondern war ein paar Tage Internetfrei ;-)

Mail mir Deine Fragen doch einfach an mirtana(at)gmx.net.

Lieben Gruß
Mirt

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