Freitag, 4. November 2005

Kinder in einer offenen Beziehung

Wir haben eine Tochter und da wird sich auch irgendwann die Frage stellen, wie gehen wir damit um. Ich sehe allerdings kein so großes Problem darin, trotzdem wir auf dem Land wohnen.

Im Moment spreche ich im Freundeskreis offen darüber, wenn das Thema angesprochen wird. Auch Arbeitskollegen gegenüber habe ich schon erwähnt, dass wir eine offene Beziehung leben. Bisher hat das noch keine Probleme, selten Nachfragen hervorgerufen. So groß scheint das Interesse an anderen Menschen dann meist doch nicht zu sein. Oft wird es allerdings auch als Tabu-Thema behandelt. Sicher wären die Männer neugierig, aber bei den Frauen bemerke ich manchmal ein wenig Misstrauen. Da geht wahrscheinlich die Phantasie mit ihnen durch, wenn ich mit ihren Männer um die Häuser ziehe.

In unserer größtenteils konservativen Dorfgemeinschaft leben wir nach außen die "normale" Familie. Ich hätte sicher große Lust, allen ihre Bigotterie vorzuführen. Allerdings werde ich das sicher nicht auf Kosten meiner Tochter machen. Toleranz vermitteln muss ich nicht dadurch, dass ich der ganzen Welt unsere Polygamie/Polyamorie aufs Auge drücke und meiner Tochter deswegen das Leben schwer mache. Hier würde ich gerne wieder ein wenig zur Rücksichtnahme plädieren. So wichtig ist das Ausleben seiner Bedürfnisse dann auch nicht, jedenfalls dann nicht, wenn es auf Kosten von Schwächeren geht. Vorleben ja, aber alles hat seine Grenzen in der Aufnahmefähigkeit der Umgebung.

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http://lustlehre.twoday.net/stories/1118822/modTrackback

promisc - Fr, 4. Nov, 13:09

Hab ein komisches Gefühl bei dieser Argumentation, Schwinger. Unwillkürlich dängte sich mir das Bild vor Augen eines 'Neger-Vaters' der unter seinesgleichen Reden gegen die Weissen schwingt aber aus 'Rücksicht' auf seine Kinder doch wieder und wieder 'seinen' Platz im hinteren Teil des Busses einnimmt... eine wahrscheinlich übertriebene Metapher, zugegeben - aber wirklich so von der Hand zu weisen?

Schwinger - Fr, 4. Nov, 17:12

Langer folgender Schrift kurzer Sinn

Meine Tochter ist mir wichtiger, als jeder Wahrhaftigkeitstrip.

Der Definition von Zivilcourage in der Wikipedia kann ich somit nicht gerecht werden, denn ich werde meine persönlichen Werte immer berücksichtigen bei meinem Tun.

Nun ein paar erklärende Worte zu meiner Meinung:
Meine Antwort zu Deinem Vor-Bild: Ja, ich würde im Zweifel hinten sitzen im Bus, solange ich meine Tochter gefährden würde.

Den folgenden Absatz bitte nicht in den falschen Hals bekommen, lieber promisc:
Ich sehe gerade die klassische Filmszene vor mir, in der der große, starke schwarze Vater vor seinem Sohn gedemütigt wird. Mit der in jungen Jahren üblichen Schwarz-Weiß-Sicht :-) kann der Sohn das natürlich nicht verstehen – auch "komisches Gefühl" genannt ;-)

Wahrscheinlich willst Du auf die so genannten Mitläufer hinaus. Da man heute alles machen kann, ohne Konsequenzen für sein Leben fürchten zu müssen (während der Apartheid war es sicher gefährlicher als heute), gibt es keine Rechtfertigung mehr für das Einziehen seines Schwanzes. Treffe ich ungefähr Deine Meinung?
Ich werde versuchen, Dir meine Bedenken zu erklären: Niemand hat das Recht, sein Leben/seine Meinung auf dem Rücken von Schwächeren auszuleben. Es mag Ausnahmen geben, die so etwas rechtfertigen. So kann ich in einer akute Notsituation sicher ohne Nachzudenken das Gegenteil für richtig halten.

Also: Ist dieses Thema so wichtig, dass ich keine Rücksicht auf meine Kinder nehmen muss/darf? Meiner Meinung nach nicht. Zivilcourage ist angemessen, solange die Folgen nur auf mich zurück fallen. Da das häufig nicht wirklich einzugrenzen ist, werde ich im Zweifel zugunsten meiner Tochter handeln.

Letztlich ist es wie so oft eine Frage der Prioritäten.

Und so stelle ich Dir die Frage: Mit welcher Rechtfertigung trägst Du Deinen "Kampf" gegen die Monogamie auf dem Rücken Deiner Kinder aus? Oder ist das zu hart formuliert? Das war mein Gefühl, als ich Deinen Artikel gelesen habe. Auch das ist sehr pointiert ausgedrückt. Wahrscheinlich werden wir uns in der weisen Mitte treffen.
promisc - Fr, 4. Nov, 18:25

Vielleicht liegt der Schlüssel in der Formulierung: Ich kämpfe nicht gegen die Monogamie, jeder ist seines eigenen (Un-)Glückes Schmied. Aber ich verweigere mich, mich mit meiner nicht-momogamen Lebensanschauung, die ich als mindestens ebenso wertvoll erachte verstecken zu müssen oder mich ihrer gar zu schämen (da steckt das Wort Scham, Blöse, etwas [moralisch] zu verbergendes darin). Und ich denke, diese Geisteshaltung des zu sich selbst und die eigenen Werte, zu den eigenen Ansschauungen zu stehen ist etwas wertvolles, dass ich meinen Kindern gerne vorlebe, ihnen erkläre und als 'Erbe' weitergebe. Denn nur so können Werte von Generation zu Generation weitergegeben werden - indem man zu ihnen steht, indem wir zu ihnen stehen. Und sie vorleben. Und unseren 'Nachfolgern' das Rückrat geben, sie ebenso zu tragen - mit Stolz weil aus Wissen und Überzeugung.
ladydeath1 (anonym) - Fr, 4. Nov, 15:31

Hm , ich kann verstehen , was hier im Text gemeint wird.
Als Eltern setzt man sich in vielem hinter den Kids zurück- zum Wohle der Kids.

@promisc
wie würdst Du denn Vaterschaft und offne Beziehung unter einen Hut bekommen?
Wäre da in erster Linie ein "ICH" oder ein "Wir" sorgen für unser Kind?

vielleicht bin ich auch nicht objektiv genug als Mutter.
( ich habe mich schon sehr oft hintenangestellt.)

Schwinger - Fr, 4. Nov, 17:15

@ladydeath: genau so
promisc - Fr, 4. Nov, 18:37

Ich denke, das 'wir' besteht aus 'Ichs' und die Summe der 'Ichs' bestimmt das 'wir'. Wenn ein 'ich' darunter nicht mehr 'ich' sein kann leidet darunter zwangsläufig auch das 'wir', es wird zur Farce. So etwas nennt sich dann Bigotterie und unterhöhlt jeden Wert einer jeglichen Gesellschaft, eines jeden 'wir'.

Daraus folgt: Warum sollte ich offenen Auges diesen herkömmlichen gesellschaftlichen Fehler der Bigotterie an meine Kinder weiterreichen wider besseren Wissens und letztendlich zu deren Nachteil? Denn dann werden auch sie später 'ihren Platz auf der Rückbank des Busses' einnehmen...
ladydeath1 (anonym) - Fr, 4. Nov, 15:34

ups .
als anonym wollte ich nicht hier erscheinen ...
:)
Sorry.

ladydeath1 (anonym) - Sa, 5. Nov, 11:16

@promisc

.. dann wäre es vielleicht besser keine kleinen ichs zu produzieren.
Denn ihre Stimmen sind zu leise, und sie gehen unter zwischen den großen Ichs.

Kinder sind der Sinn unseres Lebens .
Und wenn ihr Platz hinten im Bus ist, und sie damit zufrieden sind ,
können wir es auch nicht ändern,
wir können nur unser Bestes geben, und hoffen das sie es annehmen.

Kinder sind kein Spielzeug für Egoisten.
Sondern kleine Egoisten die ihre Eltern brauchen.
promisc - Sa, 5. Nov, 11:28

Entschuldige, aber dann hast Du in meinen Augen den Begriff Erziehungs-Verantwortung nicht in seiner Gänze verstanden. Denn dieser besteht nicht nur daraus ihnen ein Umfeld zum Lachen und etwas zum Anziehen und Essen, sprich freiwilligen Konsum (von Gütern aber auch von Werten) zu bieten, imho. Menschlichkeit, Toleranz, Bildung und Ethik gehören zwingend dazu, nicht nur freiwillig. Auch wenn viele Eltern heutzutage die Vermittlung dieser Elementar-Werte lieber vollständig der Schul-Pädagogik und den Lehrern aufbürden und sich anschliessend über deren 'Versagen' beklagen...

Unsere Kinder sind die Erwachsenen von morgen und nichts anderes!
ladydeath1 (anonym) - Sa, 5. Nov, 19:20

Hm, aber genau das meinte ich, das es nicht sinn der Sache ist für Essen und Konsum aufzukommen,
es besteht eine Pflicht, zu versuchen , den Kindern Werte zu vermitteln.

Aber wie bitte schön vermittelt man gemeinsam einem Kind Werte , wenn sich ständig einer von Beiden ausklingt, und sein Leben lebt?
Da stellt sich die Frage , was man einem Kind beibringen will.

Ich persönlich, ( und ich kann hier ja nur für mich sprechen)
verabscheue Leute , die die Erziehung auf Lehrer etc. abwälzen.
Denn hier bin ich verantwortlich für das Wesentliche .
Nicht andere Leute.
Aber ich sehe auch , das es ohne Erzeuger und " Vaterersatz "
sehr schwierig wäre ... gäbe ich ja nur einen - meinen- Standpunkt weiter.
Gerade in meiner Situation sehe ich, wie sehr man Hand in Hand arbeiten muss.

Aber ich sehe auch, bei meiner ältesten, das nicht alles so ankommt wie es soll, das dieser kleine Mensch seine Vorstellung vom Leben hat,
und das es die auch durchzusetzen versucht.
Wir streiten gerade darüber , ob Abitur wirklich von Nöten ist.
Ich wäre sehr froh, wenn sie sich doch noch dafür entscheiden würde , aber wenn nicht,
werde ich auch hinter ihr stehen.

- Ich entschuldige mich schon mal für den Mißbrauch der Schwingerseite -
die hier Platz für den Meinungsaustausch zweier unterschiedlich lebender Blogger bietet ;)
lady.death1 (anonym) - Sa, 5. Nov, 19:27

@promisc

Entschuldige bitte die Frage ,
aber hast Du Kinder?

Nur interessehalber.

Schwinger - Mo, 7. Nov, 10:42

@ ladydeath: Da meine Tochter das Wichtigste auf der Welt für mich ist und die eine offene Lebensweise in unserer Gesellschaft Komplikationen mit sich bringt, bin ich für jeden Einwurf dankbar. Viele Seiten bedeuten auch viele Möglichkeiten neuer Einsichten. :-)
Das ist auch schon an der Länge meiner Antworten zu sehen.

Die Diskussion hier erinnert mich an die verschiedenen Meinungen, die bezüglich der Kindererziehung der 68er im Umlauf sind. Katharina Wulff-Bräutigam hat in einem autobiographischen Buch ihre Kinderzeit als Tochter einer Münchner Kommunardin und eines 68er-Rebellen aufgearbeitet. Ihr Fazit: "Es war so, dass wir unseren Eltern bei der Verwirklichung ihrer Ego-Trips im Wege standen".

Das ist ein wenig meine Angst bei Deiner Argumentation, lieber promisc. Unsere Kinder leben in einer Welt, die leider noch nicht so freizügig ist in ihren Anschauungen, wie wir das leben. Deswegen können sie sehr leicht in einen Gewissenskonflikt geraten. Auch bei den 68ern war der gesellschaftliche Druck für den Einzelnen häufig zu groß. Die meisten erziehen ihre Kinder heute konservativ-bürgerlich und leben auch so. Viele eben auch aus Trotz und den schlechten Erfahrungen, die sie gemacht haben. Ich werfe hier mal die Frage auf, warum Eltern oft dazu neigen, aus ihren Idealen ein Dogma für ihre Kinder zu machen. Das Traurige ist ja dann oft, dass sie es ihren Eltern recht machen wollen, aber auf der anderen Seite häufig wie Aussätzige von ihres Gleichen behandelt werden.

Die Themen "Menschlichkeit, Toleranz, Bildung und Ethik" haben allerdings als allgemein gültige Voraussetzung für eine Erziehung mit unserem Anfangsthema nur insofern etwas zu tun, als:

Toleranz lehre ich nicht, indem ich meine Kinder in eine Situation bringe, in der sie von der Toleranz und der Menschlichkeit der anderen abhängig sind.

Hier passt der schöne Satz über das Ego und die Kinder von ladydeath: Denn ihre Stimmen sind zu leise, und sie gehen unter zwischen den großen Ichs.
Wichtig finde ich, dass wir unseren Kinder erklären können, warum wir mit ihnen hinten im Bus sitzen. Und wenn ich zugebe, dass ich Angst habe, dann gehört dazu eine andere Art von Stärke, die ich meinen Kindern auch beibringen will. Mit der Erklärung meines Verhaltens versetze in meine Kinder hoffentlich in die Lage, selber zu entscheiden, was sie für Bigotterie halten und ob sie später mal hinten sitzen wollen oder nicht. Sie werden entscheiden, weil sie darüber nachgedacht haben und zu einem Ergebnis gekommen sind. Und nicht deswegen, weil sie aus Trotz das Gegenteil machen, was ihre Eltern vorgelebt haben oder den Bus abfackeln aus dem Gefühl heraus, das hätte mein Vater so gewollt.

Du schreibst: "… jeder ist seines eigenen (Un-)Glückes Schmied." Dein Ansatz, Deine Kinder dem Druck der Gesellschaft ausliefern zu wollen, bedeutet aber für mich eher das Gegenteil. Kinder brauchen den Schutz der Eltern, um entscheiden zu können. Und vielleicht wollen sie, aus was für einem Grund auch immer, gar nicht so leben, wie ihre Eltern. Und was ist daran so schlimm, sich manchmal zurück zu halten, sich zu verstecken. Zu seinen Anschauungen kannst Du auch stehen, ohne es Deinem Kind schwerer zu machen, als es ohnehin für ihn ist.
promisc - Mo, 7. Nov, 10:52

Diese Diskussion macht keinen weiteren Sinn - denn auf der dogmatischen, durch kein Argument zu erschütternden Basis, ich würde meine Kinder opfern um meinen Egoismus auszuleben, kann ich nicht weiterdiskutieren. Denn dem ist imho nicht so: Ich will ihnen im Gegenteil etwas wesentliches geben, was offensichtlich heute nicht mehr gegeben wird. Wie man auch an der gesellschaftlichen Realität sieht.

Also, so long und danke für den vielen Fisch :-)
Schwinger - Mo, 7. Nov, 11:07

hilf mir, ich steh auf dem Schlauch: "danke für den vielen Fisch"???
promisc - Mo, 7. Nov, 11:30

*lach* <-- klickit
Schwinger - Mo, 7. Nov, 11:51

na klar :-)
Baltimore in Love - Di, 8. Nov, 06:43

So ganz bin ich da wirklich nicht deiner Meinung, aber jeder soll machen was er will ...


Schwinger - Di, 8. Nov, 11:37

Ich gehe mal davon aus, dass Du promisc meinst, oder?

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